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„Der Deutsche Leichtathletik Verband war inkonsequent.“

Interview mit dem Sport-Europameister Markus Rehm.

 
 

Es ist ein schöner Sommersamstag in Ulm. Für Markus Rehm ist es der Tag an dem er Geschichte schreiben wird. Als erster Behindertensportler wird er Deutscher Meister im Weitsprung bei den Meisterschaften der Nichtbehinderten.

Damit wäre er eigentlich qualifiziert für die darauffolgende Europameisterschaft (EM). Eigentlich. In der Folge entsteht ein großer Medienrummel um ihn und um die Frage: War die Prothese ein Vorteil für Markus Rehm?

Vor einem Jahr trafen wir den Weitspringer zum ersten Mal. Damals als Paralympics-Sieger. Nun durften wir erneut mit ihm sprechen. Wieder mit einer Medaille im Gepäck. Mit einer Medaille, die er jetzt auch offiziell behalten darf. Der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) entschied, dass Rehm den Titel endgültig anerkannt bekommt.

k50// Wie fühlst du dich als Behindertensportler, der Deutscher Meister bei den Nichtbehinderten geworden ist?
Rehm: Das ist ein richtig tolles und großartiges Gefühl. Ich war so überrascht, denn ich hatte natürlich selber nicht damit gerechnet. Dass ich meine Leistung auf den Punkt genau so abrufen konnte, hat mich sehr gefreut.

k50// Wie groß war in der Folge der Medienrummel? Angefangen mit deinem Besuch in „Das aktuelle Sportstudio“ und den vielen kleinen Interviews bei „Sky Sport News“?

Rehm: Also gerade der Besuch im Sportstudio war schon etwas sehr Tolles, weil es schon besonders ist, als Nichtfußballprofi eingeladen zu werden. An dem Samstag wäre ich sowieso eingeladen gewesen, man hatte uns vorher gesagt: „Wir laden den Sieger und Markus ein“. Dass es so kommen würde, dass ich am Ende der Sieger war konnte ja keiner ahnen. Allerdings muss ich meinem damaligem Konkurrenten Christian Reif, der in der Zwischenzeit seine Sportlerkarriere beendet hat, und der mit mir im Sportstudio zu Gast war, ein großes Kompliment aussprechen. Denn es ist keine Selbstverständlichkeit sich als Verlierer, so fair und respektvoll und ohne Vorurteile vor der Kamera zu verhalten. Im Verlauf der Zeit ist zwischen uns beiden auch eine kleine Freundschaft entstanden.

Zum Thema zurück. Die darauf folgenden Wochen waren eher anstrengend. Als ich im Trainingslager war, klingelte ständig mein Telefon und ich musste die Fragen der Journalisten beantworten. Schwierig wurde es, als das Thema auf der politischen Bühne angekommen war, weil ich somit auch die Statements der Politiker kommentieren musste. Man kann sagen, es herrschte absoluter Ausnahmezustand!

k50// Was ging dir durch den Kopf, als du die Nachricht bekommen hast, dass du nicht mit zur EM nach Zürich darfst?

Rehm: In erster Linie habe ich mich weiterhin über meine Weite gefreut. Persönlich war mir klar, dass es sehr schwer wird und dass Diskussionen hochkochen würden. Natürlich war ich enttäuscht, als ich von der Entscheidung gehört habe. Doch jeder, der mich kennt, weiß, dass es mir immer um einen fairen Wettkampf und Gewinn geht. Aus dem Grund, war mir auch klar, dass ich mich nicht einklagen würde.

k50// Du hast gesagt, ich möchte einen fairen Wettkampf. Hast du dich fair behandelt gefühlt vom DLV?
Rehm: Natürlich ist und war es nicht einfach, aber mittlerweile kann ich die Entscheidung nachvollziehen. Trotzdem bleibt die Tatsache, dass man sich auf einen möglichen Sieg von mir hätte vorbereiten müssen. Man kann einem nicht die Starterlaubnis zu den Deutschen Meisterschaften (Sieger qualifiziert sich für die EM oder WM) der Nichtbehinderten geben, wenn man nicht alle möglichen Eventualitäten geprüft hat. Das heißt, man hätte prüfen müssen, ob ich einen Vorteil durch meine Prothese habe oder nicht. Die Idee war sicherlich toll, aber sie war nicht zu Ende gedacht und somit inkonsequent vom DLV ausgeführt.

k50// Du bist ein sehr professioneller Athlet und Profisportler, wie schwer ist es Dir gefallen, das Urteil weg zu stecken?
Rehm: Für mich war das schon eine hohe Belastung. Zumal ich Dinge über mich lesen musste, bei denen ich mir gedacht habe: „Das geht nicht“. Die Kommentare haben mich enttäuscht. Da haben Leute gesprochen, mit denen ich noch nie ein Wort geredet habe, die mich gar nicht kennen. In solchen Fällen mischen sich leider immer viele Personen ein. Doch meine Familie hat mir den nötigen Rückhalt gegeben. Wir haben oft zusammengesessen, die Einschätzung von ihr war mir sehr wichtig. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass ich alles für einen fairen Wettkampf getan habe.

k50// Wir haben uns schon mal unterhalten, da hast du gesagt, dass du die Entwicklung des Behindertensport schon sehr weit siehst. Das stimmt. Wieweit siehst du die Inklusion im Sport?
Rehm: Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind. Das Thema wird immer mehr aufgegriffen. Es wird nach guten Lösungen gesucht. Aber es ist eben ein langer Prozess, der da stattfindet. Ich denke, man hat gesehen, was noch getan werden muss. Wenn man ein Konzept oder eine Idee entwickelt, muss sie zu Ende gedacht und entwickelt werden.

Wir Athleten müssen uns allerdings in den Prozess einfügend und beteiligen. Wenn ein Wettkampf mit Behinderten- und Nichtbehindertensportlern ausgetragen wird, muss er fair ablaufen, es dürfen danach keine Vor- bzw. Nachteilfragen entstehen. Hier kommt für mich der Athlet ins Spiel. Er muss vorher sicherstellen, dass er durch sein Hilfsmittel, keinen Vorteil gegenüber dem Nichtbehinderten hat. Hat er diesen Vorteil doch, kann er auch nicht am Wettkampf teilnehmen.

k50// Was würdest du Nachwuchssportlern, die auch vor so einer ähnlichen Situation stehen oder sich befinden, mit auf den Weg geben?

Rehm: Sie sollen ehrlich damit umgehen. Man muss sich mit dem Thema tiefgehend beschäftigen. Meiner Meinung nach geht es um das Ganze. Das habe ich bei mir auch bemerkt. Was hätte es denn bewirkt, wenn ich mich eingeklagt hätte? Es hätte einen noch tieferen Keil zwischen dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und dem Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) geworfen. Wir müssen den Sport leben und auch weiter das Ziel „Inklusion im Sport“ verfolgen. Dabei darf man nicht nur an sich denken.

k50// Vielen Dank für das Gespräch, Markus Rehm.

 
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