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Scheitert Europa? Es darf nicht!

Die Antwort auf die Frage, ob Europa scheitert, ist für diesen Mann klar: Es darf nicht! Und so erleben die im Klaus-von-Bismarck-Saal des WDR am Kölner Wallraffplatz versammelten Zuseher einen durch und durch von Europa begeisterten und geprägten Joschka Fischer. k50-Redakteur Adrian Arab unterwegs bei einer lit.COLOGNE-Lesung.

 
 

Mit einem Gespräch rund um die Bedeutung und Form des modernen Journalismus läutet Verleger Helge Malchow den Abend ein. Joschka Fischer, ehemaliger Außenminister, offenbart, dass es zuweilen Selbstdisziplin braucht, auch nach Jetlag und Verhandlungsrunden Journalisten besonnen Frage und Antwort zu stehen. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung “ZEIT”, beantwortet indessen die Frage nach dem perfekten Interview. Für ihn ist Zweisamkeit ein zentraler Gelingensfaktor. Darüber hinaus kümmert ihn die abnehmende Offenheit seitens der Prominenz, auch kontroverse Antworten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Fischer mahnt daraufhin an, dass finanzielle Engpässe in heutigen Redaktionen jedoch ein unheimliches Skandalisierungspotenzial förderten.

Der Rest des Abends gehört di Lorenzo und seinem Interviewpartner Fischer. Anlass des Gesprächs ist Joschka Fischers Neuerscheinung “Scheitert Europa?”. Auf 160 Seiten widmet er sich den Herausforderungen und Möglichkeiten des Großprojektes Europa und den damit verbundenen Problemen.

Der Politiker Fischer
Zunächst ist die Person Joschka Fischer und seine Arbeit als Bundestagsabgeordneter und später als Außenminister zentrales Thema. Hier hebt Fischer hervor, sich als Grünen-Politiker im deutschen Parlament zunächst unpassend gefühlt zu haben, im Kabinett Schmidt jedoch mit dem nötigen Respekt behandelt worden zu sein. Immer wieder baut er Anekdoten, mit besonderem Hinblick auf den Ex-Kanzler Schmidt ein, die im Publikum für den ein oder anderen Lacher sorgen.

Kontroverser wird es mit den Erfahrungen Fischers in Bezug auf die Person Silvio Berlusconi, ehemaliger Ministerpräsident Italiens. Fischer erklärt, ein ausgesprochener Italien-Liebhaber zu sein. Trotzdem, so sagt er di Lorenzo, der selbst italienische Wurzeln hat, dass seine Liebe zu Italien aufgrund der durch Bestechung geprägten Politik Berlusconis tiefe Risse bekommen habe. So berichtet er, auf Uhrengeschenke Berlusconis verzichtet zu haben, einzig jedoch die von ihm angebotenen Krawatten bis heute zu besitzen.

Das alternativlose Europa
Leidenschaftlich verteidigt Fischer das Projekt Europa, auch wenn di Lorenzo immer wieder kritische Fragen einbaut. Fischer gibt zu, mit einem pro-europäischen Buch “niemals einen Bestseller” landen zu können. Er möchte “60 Jahre europäischer Integrationspolitik” keinesfalls “vor die Wand fahren”. Das hänge ein Stück weit auch damit zusammen, dass Europa für ihn alternativlos sei. Während er Europa als Antwort auf zwei schreckliche Weltkriege versteht, nimmt er mit Sorge die wachsende Zahl europafeindlicher Strömungen des rechten und linken politischen Spektrums zur Kenntnis.

Mit Unverständnis reagiert Fischer auf den Versuch, “Deutschland verantwortlich für die Verfehlungen der griechischen Regierung” zu machen. Im Gegenteil merkt er an, dass Deutschland zwar eine politische Führungsrolle einnehme, aber keine Position des finanziellen Lenkers im Euroraum habe. Immer wieder verteilt Fischer Seitenhiebe an die Regierung Merkel und gibt zu, nicht den “Charme eines Giovanni di Lorenzo” zu haben. Trotzdem mildert er vergangene Negativaussagen gegenüber der Kanzlerin ab.

Letztes Thema des Abends ist das Verhalten als Politiker in der medialen Öffentlichkeit. Hier zeigt sich Fischer schockiert über das Schicksal des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff und benennt die Medienkampagne gegen ihn als “neue Qualität” im Negativen. Auch hier witzelt Fischer mit einem persönlichen Einwurf, Upgrades in die 1. Flugklasse “dankend angenommen” zu haben. Letztlich bekennt sich Joschka Fischer dazu, die Politik nicht zu vermissen. Das sei vorrangig dem knapp bemessenen Privatleben geschuldet.

Allem in allem bot das Gespräch einen interessanten Einblick nicht nur in die europäische Diskussion, sondern auch in das politische Alltagsgeschäft - spannend und alles andere als langweilig!

 
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