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Leute

Eine Nacht in der Notschlafstelle

Wer mit dem Konsum von Heroin, Crystal, Crack und anderen Suchtmitteln beginnt, läuft schnell Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten und aus unserer Gesellschaft ausgestoßen zu werden. Und sobald man einmal auf der Straße gelandet ist, ist es umso schwerer, überhaupt noch einmal einen Weg in ein normales Leben zu finden. Eine Reportage von Lucas Tenberg

 
 

Der Abend beginnt


Mein Dienst beginnt bereits um 19 Uhr abends. Mit dem Schlafsack in der Hand stehe ich vor dem Haus in der Victoriastraße. Der Sozialstudent Christian begrüßt mich und führt mich erst einmal durch die Einrichtung. Das „Notel“, wie es oft genannt wird, verfügt über zwei Schlafsäle mit insgesamt zwölf Betten. Außerdem steht zentral ein großer Esstisch. Die Gäste können neben Toiletten auch zwei Duschen benutzen. Besonders an diesem Notel ist eine eigene kleine Kapelle. Sie soll nicht nur den Drogensüchtigen, sondern auch den Mitarbeitern als Ort der Ruhe dienen, erklärt mir Christian.

Menschen und ihre Geschichten


Einlass für die Obdachlosen ist ab 20 Uhr. An diesem Abend werden insgesamt acht Besucher kommen. Bevor sie jedoch rein dürfen, muss jeder seine Schuhe ausziehen, Wertsachen werden in Tresoren eingeschlossen. Jeder wird abgetastet, um auch sicherzustellen, dass keine Drogen mit reingeschmuggelt werden. Der Konsum ist in der Notschlafstelle strengsten untersagt.

Mir fällt auf, wie freundlich der Umgang unter den Gästen und auch gegenüber den Mitarbeitern ist. Gegen halb neun sind schließlich alle im Notel. Jeder scheint seine eigene Geschichte erzählen zu können, wie er auf der Straße und bei den Drogen gelandet ist. Frank* erzählt mir, dass er eine Tochter hat. Klaus beklagt sich mit sehr müdem Blick, dass nichts funktioniert, was er anfangen will. Alle Gäste dieser Nacht sind ganz unterschiedliche Typen. Mirko ist bestimmt nicht älter als 25, tippe ich. Klaus und Peter schätze ich auf über 60. Aber ich kann daneben liegen, das Leben auf der Straße macht alt.

Jeden Abend das gleiche Ritual


Vom Ablauf her gestalten sich die Abende immer gleich. Nachdem alle geduscht haben, gibt es eine warme Mahlzeit. Dabei läuft der Fernseher. Was geguckt wird, wird mit einer schnellen Abstimmung entschieden. An diesem Abend wirken alle sehr müde. Ich erfahre, dass es sonst oft lauter und gesprächiger zugeht. Die meisten gehen relativ schnell nach dem Essen schlafen. Zusammen mit der studentischen Mitarbeiterin Laura fange ich nun an, die Wäsche der Obdachlosen zu waschen. Das gehört hier zum Angebot. Anschließend gehen wir noch in den vierten Stock des Hauses. Hier ist die Krankenstation. Drogenabhängige, die krank sind oder Zeit brauchen, um sich zum Beispiel von Operationen zu erholen, können hier fest wohnen, bis sie wieder gesund sind. Laura und ich bringen den Patienten Abendessen und versorgen sie mit den nötigen Medikamenten.

Feste Regeln für alle


Währenddessen kommt es unten im Notel zu einem Vorfall. Einer der Schlafgäste ist bereits stark alkoholisiert gekommen und rennt nun mit freiem Oberkörper durch die Küche, um aufs Klo zu gehen. Da er bereits mehrmals verwarnt worden ist, muss Christian ihn für diese Nacht wieder auf die Straße schicken. „So schwer und ärgerlich das auch ist, es musste jetzt einfach mal so sein“, erklärt Christian. Das Notel habe gewisse Regeln, an die sich die Gäste halten müssen. Damit es auch dabei bleibt, werden bei Verstößen Konsequenzen gezogen.

Allmählich neigt sich der Film dem Ende zu. Ab 22.45 Uhr herrscht hier Nachtruhe.
Da die Gäste nun im Bett sind, habe ich Zeit, noch einmal mit Christian zu reden. „Das Notel ist kein Ort, an dem den Drogenabhängigen eingeredet wird, dass sie ihr Leben ändern sollen“, erzählt er mir. „Das hier ist ein Platz, um Zuflucht vor der Straße zu finden. Unser Haus sieht sich selbst nicht als Drogen-Hilfsorganisation.“

Um 24 Uhr gehen auch Laura und ich in der Kapelle auf Matratzen schlafen. Wir bilden nun die Nachtwache. „Falls einer der Gäste Tabak zum Rauchen braucht oder andere Anliegen hat, kann er jederzeit zu uns kommen“, erfahre ich von ihr. Es bleibt still, aber schon um 2 Uhr morgens stehen wir noch einmal auf, um in der Krankenstation nach den Patienten zu sehen.

Der Tag kommt. Was nun?


Der Rest dieser Nacht verläuft wieder sehr ruhig. Um 6 Uhr morgens heißt es dann Aufstehen und Kaffeekochen für die Gäste. Bis 8 Uhr müssen alle die Notschlafstelle verlassen haben. Ich fühle mich nun schon komisch, als ich sehe, wie die Menschen am Tisch sitzen und noch einen Kaffee trinken, bevor sie wieder auf der Straße landen, ohne ein richtiges Ziel. Ich weiß, dass ich nach dieser Nacht wieder nach Hause komme und dort einen geregelten Alltag leben kann.



Als alle Gäste weg sind, stellt auch Christian fest, dass es sehr still und ruhig
in dieser Nacht war. Bevor ich mich auf den Heimweg mache, um etwas Schlaf nachzuholen, beten wir noch gemeinsam in der Kapelle. Obwohl ich selbst nicht sehr gläubig bin, bildet dieses Ritual einen passenden Abschluss für die Nacht. Im Notel ist um neun Uhr morgens Feierabend – bis zum nächsten Abend. Dann stehen wieder die ersten Drogenabhängigen vor der Tür, um eine Nacht in einem richtigen Bett zu verbringen.

* Name von der Redaktion geändert