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Buch & Co.

lit.COLOGNE Lesung: Kindheit

"Natürlich habe ich gleich ja gesagt, als es um Kindheitserlebnisse ging. So wie ich immer viel zu schnell ja sag, wenn ein Thema mich reizt. Erst hinterher fiel mir ein, dass ich nie Kind war. Vielleicht jetzt inzwischen bin ich's. Gelegentlich.“

 
 

Eine unbeschwerte, sorgenfreie Kindheit ist in Deutschland heutzutage für die meisten selbstverständlich. Nicht so für Peggy Parnass. Ihre Eltern waren Juden und wurden damals im Vernichtungslager Treblinka von den Nationalsozialisten ermordet. In ihrem Buch „Kindheit“, welches ursprünglich ein Kapitel aus ihrem Buch „Unter die Haut“ ist, erzählt sie von der Zeit bevor und nachdem ihre Mutter sie vor den Nazis rettete. Sie lässt uns Leser an ihren Erinnerungen teilhaben, die sich wie Mosaiksplitter nach und nach zu einem großen Ganzen verbinden.

Da ist ihre Mutter, eine halbportugisische Frau mit schwarzen Locken und seidenweichen Händen, die wunderschön ist, sich selber aber nicht hübsch findet. Peggy erinnert sich an ihre Stimme, ihren Duft, ihr Lachen und lässt sie wieder lebendig werden. Und da ist außerdem Pudl, der verschmitzte polnische Vater, der nachts seine Spielsucht auslebt und trotzdem ein Charmeur der besonderen Sorte ist. Die junge Peggy selber ist damals ein pfiffiges Mädchen mit einer goldblonden Mähne, die sich von Erwachsenen keinen Quatsch erzählen lässt und nicht auf den Mund gefallen ist. Und dann gibt es noch den kleine Bruder, der liebevoll „Bübchen“ genannt wird. Als sich die Situation im nationalsozialistischen Deutschland immerweiter zuspitzt, bekommen das auch Peggy und ihre Familie zu spüren. Das bis dahin eigentlich so normale und fröhliche Leben nimmt ein Ende, als zuerst der Vater und kurz darauf auch die Mutter verhaftet werden. Zuvor aber setzt diese ihre beiden Kinder in einen Zug nach Schweden und rettet ihnen somit das Leben. Die zwei nun verwaisten Kinder müssen in einem neuen Land zurechtkommen. Sie werden voneinander getrennt, in Heime und Pflegefamilien gesteckt und müssen sich mit viel Leid herumschlagen, um dann letzten Endes doch wieder ein friedliches Leben zu führen.

Einfach, schlicht und doch mit poetischer Wortgewalt vermittelt Peggy Parnass auf wenigen Seiten und in kurzen Abschnitten tiefe Gefühle und Emotionen. In ihren beinah stichpunktartigen und chronologisch aufgeführten Erinnerungen wird deutlich, dass auch sie nur ein Kind war wie jedes andere und doch etwas erlebte, was kein Kind erleben sollte. Ohne geschichtlichen Hintergrund und Details zu nennen, weiß jeder Leser sofort von was Peggy spricht. Und so dramatisch ihre Kindheit auch endete – die eigentlich ja nie wirklich begann – so zwanglos, fast schon humorvoll und gelöst erzählt sie in ihrem Buch darüber. Als Leser bleibt man bewegt, erschüttert und doch irgendwie getröstet zurück, denn trotz der Wut, der Ungerechtigkeit, dem Hass und dem Schmerz hat Peggy Parnass sich eine erstaunlich klare Sicht auf das Geschehen und die Welt bewahrt. Zusammen mit den intensiven roten, gelben und orangenen Farbholzschnitten ihrer Freundin Tita do Rego Silva, die als Illustrationen die Geschichte begleiten, ist ein wahrer Bücherschatz entstanden. Für junge Leser ab zwölf Jahren, aber auch für alle Erwachsenen ist dieses Werk eine Mahnung daran, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Zugleich ist es aber auch eine Hommage an Peggys Eltern: „Mutti und Pudl haben weder Grab noch Grabstein.[...] Aber jetzt dieses wunderbare Buch zu ihren Ehren.“

Peggy Parnass und Tita do Rêgo Silva stellen ihr Buch auf der diesjährigen lit.cologne vor: 17.03.2015 | Dienstag | 11:30 Uhr | COMEDIA Theater, Grüner Saal, Vondelstraße 4-8, 50677 Köln

Peggy Parnass / Tita do Rego Silva
Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete
Verlag Fischer
ISBN 978-3-596-85672-5
EUR 14.99